Ein Flanellnachthemd

Leonora Carrington

Die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington wird 1917 als Tochter einer wohlhabenden Familie in Lancashire, England, geboren. Sie widersetzt sich schon früh den Regeln ihrer Herkunft und beginnt mit 19 Jahren ein Kunststudium in London bei Amédée Ozenfant. Ein Jahr später lernt sie Max Ernst kennen, geht mit ihm zunächst nach Paris, um 1938 mit ihm in ein altes Bauernhaus in Südfrankreich (Saint-Martin d´Árdèche) zu ziehen. Bereits ein Jahr später wird Max Ernst als „feindlicher Ausländer“ interniert, Carrington versucht mit ihrem Schmerz und der Verlassenheit zurechtzukommen, geht schließlich nach Spanien und erleidet dort einen Nervenzusammenbruch. Die Krankheit kostet sie einige Monate ihres Lebens und wird von ihr literarisch in dem Bericht Unten verarbeitet. 1941 heiratet sie in Lissabon einen mexikanischen Diplomaten und reist mit ihm nach New York. Dort befindet sich auch bereits Max Ernst, der inzwischen mit Peggy Guggenheim liiert ist. Leonora Carrington zieht 1943 nach Mexico City, lässt sich von ihrem Mann scheiden und geht 1946 eine zweite Ehe mit demPhotographen Chiki Weisz ein. Dieser Ehe entstammen auch ihre beiden Söhne Gabriel und Pablo. In den folgenden Jahrzehnten zieht sie noch zweimal nach New York zurück, um schließlich ab 1990 wieder in Mexico City zu leben. Ihre traumartigen, farbintensiven und mit skurrilen Wesen bevölkerten Bilder stehen in einer surrealistischen Tradition. Neben einigen weiteren Theaterstücken (u. a. Das Fest des Lamms) und dem erwähnten Buch Unten hat Leonora Carrington auch noch einige Erzählungen und den Roman Das Hörrohr geschrieben.

Ein Flanellnachthemd ist 1945 in Mexiko entstanden. Wir sehen ein Haus auf der Bühne, dessen Räume und Stockwerke nach und nach beleuchtet und verdunkelt werden. An diesem kurzen Einakter könnte man seinen ganzen Ehrgeiz auf eine minutiöse Symbolanalyse konzentrieren: Die Farben weiß und schwarz. Das Blut. Drei Hände. Warum strickt sie immer (so wie auch in vielen anderen Texten von Carrington unentwegt gestrickt wird)? Man könnte Parallelen zur „weißen Göttin“ und zur „schwarzen Magie“ ziehen und daraus den Triumph der Frau am Schluss des Stücks geradezu penibel logisch ableiten. Man könnte Carrington zu einer modischen Feministin, zur Vertreterin eines matriarchalischen Weltentwurfs stilisieren. Man sollte es allerdings lieber lassen. Das grüne Ei, das der schwarze Schwan legt, muss nicht das mythische Weltei sein, und wenn schon, ist es ein sehr grelles Weltei.
Ein Flanellnachthemd ist ein freches Rätsel.

Käthe Trettin, Das große Lachen, in apropos2, Leonora Carrington

Interviewer: Können Sie uns, Frau Carrington, etwas über Ihre Affinität zum Surrealismus erzählen? Was bedeutet für Sie diese „Affinität“?
Leonora Carrington (unwirsch): Ja wissen Sie denn nicht, was Affinitäten sind? (betrachtet den Interviewer genauer) Ihre Affinität gilt vermutlich dem Fußball. Wie der Zufall es wollte, galt die meine dem Surrealismus. Der Surrealismus enthielt jene Welt, in die ich aus mir unbekannten Gründen hineingeboren wurde.
Interviewer: Und das wirkte sich dann auf Ihre Malerei aus?
Leonora Carrington: Nein.
Interviewer: Sie waren also Surrealistin, bevor Sie den Surrealismus kennenlernten?
Leonora Carrington: Ja, irgendwie schon. Nur besaß ich weder die Überzeugungen, noch die Philosophie der Surrealisten.

Traumgedanken

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine großartige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Rechhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum. In der Regel unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, während weitere Deutungsarbeit neue hinter dem Traum versteckte Gedanken enthüllen kann. Selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsarbeit ist also – strenggenommen – unbestimmbar.

Sigmund Freud, Die Traumdeutung

Interviewer: zur Psychoanalyse haben Sie sich in den vergangenen Jahren nicht sonderlich positiv geäußert.
Leonora Carrington: Freud neigte zu starken Vereinfachungen, er packte seine Vorstellungen in ziemlich enge Korsetts und reduzierte sie zur Formel des Entweder-Oder: Entweder Sie lieben ihre Mutter zu viel, oder Sie lieben ihre Mutter zu wenig. Verstehen Sie, diese Art von Argumentation … Natürlich habe ich Freud nie gelesen, aber ich rede gern über ihn.

DWYN Die Göttin der Liebe in der Mythologie der Kelten.

NUD In der keltischen Mythologie der Gott der Heilung und des Wassers.

ARAWN Eine walisische Gottheit – Herrscher der Unterwelt.

PRISNI Die Hindu-Göttin der Erde und der Dunkelheit.

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