EIN OPFER FÜR NICHTS

Fanatismus oder Dummheit, unter dem Strich steht immer das gleiche Ergebnis, Gotthold Ephraim Lessings vergessenes Trauerspiel Philotas hatte im Theater unter Tage eine sehenswerte Premiere.

Manchmal quält Heiterkeit, wenn Betroffenheit doch Stille erzeugen müsste. Nein, Lessings Philotas ist keine Komödie, wenn auch in der Premiere viel gelacht wurde, selbst Irre geleitetes, scheinbares Heldentum muss beim Theaterpublikum wohl immer Heiterkeit erzeugen – dennoch wird darüber in vielen arabischen Staaten zurzeit eher weniger gekichert.
Mag es am überzeugenden jugendlichen Spiel Jörg Pohls gelegen haben, mag sein, dass Zuschauer in Bochum seit Jahren immer gern nur lustig unterhalten werden wollen, egal – die Inszenierung vom wenig bekannten Philotas ist eine voller Erfolg für Marlin de Haan, die mit der Ausgrabung ihr Regiedebüt im Theater unter Tage gab.
Philotas hatte aber auch ein Scheiß-Job als Königssohn einer Antike. Anders als die lustigen Haudegen in den Heeren. Da ist Feldherr Strato (Marcus Kiepe) – Typus Snake Plissgens, da ist Parmonio (Jost Grix) – Typus Familien-Rambo mit immer wieder zusammengenähtem Fleisch, der schwört, was die Nähte noch halten. Vor einem riesigen Schlachtengemälde mit ausdrucksstarkem Pferdehintern in der Mitte liegt das wohl zu gebildete Prinzlein und schämt sich. Gleich in der ersten Schlacht ist er blind nach vorn gestürmt, nichts als die Heldenepen im Kopf, hat ihn Strato einfach vom Pferd gerissen und mit einer läppischen Wunde am Arm sanft gebettet. Eine richtige Beleidigung für den jungen Jedi. Wieder und wieder hat er die Wunde aufgerissen, wenigstens bluten wollte er, wenn er schon nicht als Held fallen durfte. Jetzt muss er auch noch erfahren, dass Polytimet, der Sohn des Aridäus (Martin Rentzsch), der einmal Jugendfreund seines Vaters war, gegen ihn ausgetauscht werden soll. Einfach so. Sohn gegen Sohn. Im beleidigten Helden Philotas keimt eine dämliche Idee.
Jungregisseurin Marlin de Haan setzt wie ihr Intendant Matthias Hartmann in Jon Fosses Todesvariationen erfolgreich auf die Schauspieler, auf leere Bühne und auf sparsame Regiegags, wie die der 17 Komparsen, die gleichsam Blechschweinchen am Kirmesschießstand als Heer im Hintergrund herrlich auf und ab tauchen. Ansonsten trägt Jörg Pohl die Last. Sein stürmischer Jüngling lässt das unter Tage oft vergessen. Sein Selbstmord mit dem Schwert des gegnerischen Königs ist das sinnlose Ergebnis der falschen Kausalität zwischen indoktriniertem Heldentum und der wirklichen Bedeutung des Lebens. Wirklich gebildet war der junge Mann also nicht.
Am Ende liegt er Blut röchelnd da, rechtfertigt seinen Freitod als heldenmütigen Akt, der einen Krieg weiter schürt, der eigentlich überflüssig ist, bei dem er aber wenigstens über die Gefängniswärter triumphiert. Strato macht mit einem schnellen Schritt dem Röcheln ein Ende und der Besucher weiß, dass dies nur der neue Anfang des nächsten Wahnsinns ist. Einen kurzen Moment ist es still, dann freut sich das Publikum wieder aufs Klatschen. Die Schauspieler haben sich den Beifall verdient, die notorischen Lacher nicht.
PETER ORTMANN

Freundschaft, Heldentod und Opfergang

Lessings „Philotas“ in Bochum

von Werner Streletz

WAZ Bochum. Vor dem Vater stirbt der Sohn. Mit Lessings Nebenwerk „Philotas“ gab die junge Regisseurin Marlin de Haan im „Theater unter Tage“ des Schauspielhauses Bochum eine solide Talentprobe ab.

Lessing reagierte mit dem Einakter „Philotas“ auf die heroische Literatur des Siebenjährigen Krieges (1756-1763). Doch nicht martialische Heldentaten durchpulsen das kleine Trauerspiel, sondern durchaus Fragen, die nach psychologischen Beweggründen fragen. Marlin de Haan versucht, diese individuelle Lesart herauszuarbeiten.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Kampf ist der Königssohn Philotas gefangen genommen worden. Gleiches geschieht dem Sohn des feindlichen Herrschers: Patt-Situation. Ein Austausch wird vorbereitet. Da entschließt sich Philotas zum Selbstmord, um dem Vater beim Fortgang des blutigen Zwists die besseren Karten zuzuspielen.
Verzwickter wird dieses schlichte Handlungsschema durch die Tatsache, dass die beiden gegnerischen Könige in Jugendtagen befreundet waren und der alte Regent Aridäus im gefangenen Philotas den Widerschein seines früheren royalen Gefährten sieht. Da kommt Sentiment mit ins Spiel, das Aridäus nur mühsam unterdrücken kann.
Martin Rentzsch gibt den Regenten denn auch nur scheinbar hart und wild entschlossen. Vor dem toten Philotas stehend, überkommt den Aridäus allerdings der Jammer, und er weint nach dem eigenen Sohn, der sich noch im Gewahrsam des Gegners befindet – vielleicht befürchtend, dass auch dieser Sohn seinem Vater auf ähnlich selbstmörderische Weise zu helfen versucht.
Heldentod, Opfergang: Das sind – zumindest in unseren Breiten – ferne Vokabeln. Und so kommt im Publikum gelinde Heiterkeit auf, als Philotas hektisch nach einem Schwert für die eigenhändige Entleibung ruft. Berührend ist die Inszenierung hingegen, wenn sie – fern vom Pathos vergangener Tage – nach der Seelenlage der Titelfigur fragt. Jörg Pohl zeigt den Philotas als einen zunächst zwar nachdenklichen, doch schließlich fast narrischen Kindskopf, der sich zur höheren Ehre des Vaters beinahe hitzköpfig in die Klinge stürzen will: ein halbstarker Wahnwitz und Leichtsinn, der – anders ausgeprägt natürlich – sicher auch späteren jungen Generationen vertraut gewesen ist.
Jost Grix spielt den Parmenio als erfahrenen Soldaten, der – in vielen Schlachten gestählt – der naiven Entschlossenheit des Königssohnes durchaus skeptisch begegnet.
Bedauerliche Ausnahme im Schauspieler-Quartett: Marcus Kiepe gibt den Feldherrn Strato knarrend und eindimensional. Hinter dem einfachen Bühnenbild von Steffi Dellmann und Tobias Schunck ist das berühmte Alexander-Mosaik von Pompeji abgebildet: Sinnbild für die (fast) unschlagbare Kraft eines entschlossenen Jungmannen. Philotas schrieb da letztendlich ein ergreifenderes Kapitel.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Kultur
15.02.2005

Wenn die Zelle zu gemütlich wird

SCHAUSPIEL Lessings „Philotas“, brillant inszeniert am Bochumer Schaupielhaus
Eine tragisch-komische Geschichte von einem Möchte-gern-Helden

von Annette Kiehl

BOCHUM Dieser Held ist ein wenig frühzeitig. Seine Rolle hat er gut gelernt, viel weiß er über Mut und Furcht, Stolz und Ehre, und doch hat der junge Philotas nichts erfahren. Eine wahre Witzfigur wäre er, führte seine Naivität nicht letztlich in den Tod. So zeigt die Studioproduktion des Schauspielhauses Bochum Lessings „Philotas“ als Drama zwischen Komödie und Tragödie.
Dass diese Interpretation auf schmalem Grad gelingt, liegt vor allem an Jörg Pohl, der den jungen Krieger verkörpert. Da sitzt er verwundet in seiner Gefängniszelle, die ihm viel zu gemütlich ist. Leiden will er, nicht gepflegt werden. Jede Linderung steigert seine Schmach. Wäre er ein wahrer Feldherr, eine Soldat, der durch viele Schlachten gezogen ist, man könnte ihm sein Klagen abnehmen. Doch die Inszenierung von Marlin de Haan zeigt Philotas als milchgesichtigen Nachwuchshelden. Jörg Pohl versteht es wunderbar, den substanzlosen Enthusiasmus des Philotas zur Schau zu stellen, spielt ihn als halbes Kind, das schon so viel vom vermeintlich glorreichen Krieg gehört hat und nun mit Narben prahlen will.
Oft blickt er ins Leere, sucht mit seinen Augen nach einem Ankerpunkt. Er trägt die Monologe, in denen er über die Schmach spricht, die er seinem Vater ersparen will, vollkommen uneitel und dann wieder mit einer aufgetragenen Eitelkeit vor, die man ihm ohne Zweifel abnimmt. Marcus Kniepe als etwas tumber Feldherr Strato und Jost Grix als kriegserprobter Soldat Parmenio sind ihm Gegenpole , vor allem aber Martin Rentzsch als König Aridäus führt die Dummheit Philotas´ in seiner durchdringenden Art glanzvoll vor. Es sind die Feinheiten im Bühnenbild, die zu dieser Charakterzeichnung beitragen. Das orangefarbene Sofa etwa, auf dem Philotas so sitzt, dass seine Füße nicht über die Sitzfläche reichen. Ein Kind ist er eben, das ungeduldig darauf wartet, groß zu werden.
Diese Szenen spielen sich trotz neuzeitlicher Sitzgelegenheit im Kontext der Antike ab. Ein Hintergrundbild zeigt eine Szene der großen Schlachten, klassische Kriegerkluften deuten auf die Zeit. Und obwohl das Spiel in seinem eigentlichen Zeit- und Themenzusammenhang belassen wird, wirkt es dennoch nicht fremd, macht es die Gefühle, mitunter auch die blinde Überheblichkeit des Philotas, durchaus nachvollziehbar.
„Philotas“ ist eine kleines Stück und dauert gerade mal eine Stunde. Dennoch zeichnet diese Inszenierung nicht nur ein eindrucksvoll tragisches Bild eines kindlichen Soldaten, sondern führt die Absurdität des Kriegs vor, in dem der Heldenstatus mehr zählt als ein Leben
.

Westfälischer Anzeiger, 18.02.2005

Leben ist schwerer

Sterben geht leicht: Jon Fosses „Todesvariationen“ und Lessings „Philotas“ am Schauspielhaus Bochum

Sterben kann so schön sein. Auf der Bühne, vom Parkett aus verfolgt. Mit Gift, richtigem und falschem, in der Familiengruft („Romeo und Julia“); mit einer „himmlischen Heerschar“, die dem Teufel rosenwerfend doch noch die Seelenbeute abjagt, ehe das Ewigweibliche den Weg in die höhere Atmosphäre weist („Faust“); unter dem Messer, wie schon mehrfach geträumt, eines Lustmörders („Lulu“).
Auch am Schauspielhaus Bochum ist jetzt sehr schön gestorben worden: modern und symbolsprachlich in den „Todesvariationen“ von Jon Fosse, die in den Kammerspielen zum ersten Mal auf deutsch aufgeführt wurden, in denen die Tochter ihren Gang ins Wasser rekapituliert und das Lichtquadrat auf der Bühnenrückwand ausgeknipst wird; blutig und ausdauernd von Philotas, Lessings weinig bekanntem Titelhelden eines frühen, im Theater unter Tage ausgegrabenen Trauerspiels (1759), der mit dem Schwert erst Streiche durch die Luft tut, ehe der Gefangene im Lager des Aridäus sich durchsticht und röchelnd zu reflektieren beginnt, welchen Akt der Freiheit er, nun endlich ein Held, damit vollzogen habe.
Leben zu spielen ist schwerer. Gerade auch, wenn das Leben, und das verbindet beide Dramen, die vielleicht auch deshalb unmittelbar hintereinander Premiere hatten, fast kein Leben mehr ist. Der Norweger Fosse, Jahrgang 1959, porträtiert ein altes Ehepaar, seit Jahren geschieden, wie sich erst später herausstellt, dessen Tochter, das einzige Kind der beiden, sich umgebracht hat. Verzweifelt, ungläubig, leer vor Erschöpfung stehen sie vor dem Nichts, wissen nicht, wie es weitergeht.
Lessings Protagonist wäre lieber gefallen als gefangen, wieder und wieder hat er die Wunde aufgerissen, die ihm verbunden wurde: Daß der alte Krieger, der ihn vom Pferd riß, Kind zu ihm sagte, kränkt, daß das Zelt, in dem er festgehalten wird, bequem ist, demütigt ihn. So faßt er einen fatalen Entschluß: Auf die Nachricht hin, daß auch Polytimet, der Sohn des Aridäus, gefangengenommen ist und gegen ihn ausgetauscht werden soll, spart er, fremdbestimmt bis in die letzt Konsequenz lieber das Lösegeld und geht in den Opfertod.
Was bleibt, sind Erinnerungen. Und die treten der älteren Frau und dem älteren Mann, die wie immer bei John Fosse keine Namen tragen, leibhaftig entgegen: als die junge Frau und der junge Mann, die sie gewesen sind. Wie war das damals, als sie das Kind erwartet und, hne Geld und ohne Job, die Wohnung bezogen haben? Erinnernde und Erinnertes stehen nebeneinander, verschränken sich zum Traumspiel. Schwangerschaft, Glücksmomente, Ängste, Treuebekundungen, die eigenbrötlerische Tochter, die, von der Trennung der Eltern überfordert, früh ausziehen möchte und „niemals in einer Liebe leben“ kann. Das gesteht sie dem Freund, einer Personifizierung des Todes, die sie fasziniert und die sie „schon seit immer“ zu kennen meint, dunkler Verführer und rätselhafter Vertrauter.
Handlung wird in „Todesvariationen“ nur angetippt. Das Stück zeichnen knappe, pausenreiche Dialoge aus, die an- und abreißen, elliptische Sätze von Figuren, die ihre Gefühle nur schwer formulieren und sich über diese kaum verständigen können. Lebenssituationen werden komprimiert, Bestandsaufnahmen heutiger Zivilisation erhellt, Erklärungen werden keine gegeben, Andeutungen müssen genügen: voller Möglichkeitssinn, offen für Ergänzungen. Die Inszenierung von Matthias Hartmann hat dafür wunderbare Schauspieler, die Karl-Ernst Hermann in einem ortlosen, nur mit einem Schemel bestückten Raum stellt: Vor dem hellgrauen, leicht angeschrägten Schuhkarton, den ein an der Rampe entlanggleitender Scheinwerfer beleuchtet, steht eine dünner Mast, der wie ein Metronom die Gefühlsstärke anzeigt.
Die Figuren bleiben hier allein mit ihren Schatten: Barbara Nüsse und Hans-Michael Rehberg als ältere Frau und älterer Mann sind, auf prägnante Gesten reduziert, fast festgefroren in ihrer versunkenen Trauer, aus der auch fahrige Pathosgesten sie nicht loseisen können, Sabine Haupt und Patrick Heynen als junge Frau und junger Mann setzen dagegen eine Lebendigkeit, die ihnen nach und nach ausgeht. Als Tochter nimmt Cathérine Seifert die Stufen zwischen ihnen mit anrührender Zerrissenheit, nur Johannes Zirner als der ominöse Freund schlängelt sich glatt durchs dämonische Klischee. Doch die Regie mag sich nicht entscheiden, ob es noch einmal um alles oder um nichts mehr geht: Schwankend zwischen Identifikation und Stilisierung, beläßt sie es bei feinnervigem Schauspielertheater.
Lessings fremder Held ist in Marlin de Haans Regiedebüt ein Jüngling von heute: unfertig noch und etwas selbstverliebt, wach im Kopf und weich in seinen Bewegungen. Der junge Prinz, als den Jörg Pohl Philotas vorstellt, könnte auch der Lead-Sänger einer Boygroup oder der Linksaußen – das historisch verfremdete Kostüm näht eine „11“ auf die rechte Schulter – eines Internatsteams sein. Das Stück wird nicht äußerlich aktualisiert, sondern behutsam aus seinem jugendlichen Lebensgefühl, einer sich lässig gerierenden Selbstsuche heraus zu entwickeln versucht: Die militaristische Erziehung, die den jungen Mann prägt, ist da nur Paradigma und kann auch für vermeintlich harmlosere Ideen stehen, die ins Verderben führen. Wie sie es ernst nimmt und psychologisch ausformt, kommt die Inszenierung mit dem Drama überraschend weit: Der Weg in den Freitod verläuft als Steigerung in den Wahnsinn, erst die letzten Verblendungen streifen die Lächerlichkeit. Der Einakter funkelt als kleine Parabel über den Fanatismus.
Dennoch bleibt Lessing in Bochum nur auf Augenhöhe mit Fosse, mit beiden wird – in jeweils fünfundsiebzig Minuten – kurzer Prozeß gemacht. Um dem Klassiker gerecht zu werden, müßte das Haus freilich mehr und Sätze wie diesen wagen: „Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert“. Das ist ein anderes Stück. Und ein anderes Sterben.
ANDREAS ROSSMANN

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2005

Die Kunst der klugen Zurückhaltung

Marlin de Haan inszeniert Lessings Philotas im Theater unter Tage

Es scheint so, als würde die Aufführung bereitwillig warten, bis die Zuschauer sich gesetzt und ihre Alltagsgespräche in Ruhe beendet haben. Im dunklen Bühnenraum liegt auf einer überdimensionalen samtbezogenen Bank ein vom beleuchteten Zuschauerraum aus nur schemenhaft erkennbares weißes Bündel gekauert. Man hört immer deutlicher pochende Pizzikato-Klänge und hohe akzentuierte Klaviertöne, die wie tastend und suchend im Dunkeln schweben. Dann öffnet sich der Bühnenraum visuell und klanglich wie ein Türspalt: Ein heller Lichtstrahl, ein lang gezogener Streicherton. Die Musik wächst weiter und nimmt tonale wie rhythmische Gestalt an, wird zu einem weiß gekleideten Jüngling, dessen Zerbrechlichkeit ihm ins Gesicht geschrieben steht. Er sucht nach Orientierung. Zunächst verwundert, dann fassungslos wird ihm klar, was mit ihm geschehen ist. Gefangen, und das gleich in der allerersten Schlacht, in die ihn auf eigenes Verlangen der Vater nach langem Betteln schickte, vor lauter Unbedacht und Übermut – welche Demütigung!
Was Marlin de Haan an der Philotas-Figur aus Lessings Einakter am meisten fasziniert, ist der enorme Druck, dem sich der junge Mann selber aussetzt. Als verwöhnter Prinz und Sohn eines kriegerisch aktiven und erfolgreichen Königs hat er ein monströses Geltungsproblem. Eben dieses treibt ihn in seine erste Schlacht, die er kaum erwarten kann und in der er seine Karriere als Held ruhmvoll beginnen will. Es ist für ihn die Gelegenheit, etwas ganz Großes zu landen, doch das geht gründlich in die Hose. Der Umschwung von kindlichem zu scheinbar erwachsenem Verhalten findet in dem Moment statt, wo Aridäus, König der feindlichen Seite und ein ehemaliger Freund seines Vaters, ihm von dem Plan erzählt, ihn gegen den eigenen, in fremde Gefangenschaft geratenen Sohn auszutauschen. Mit diesem „Geiselaustausch“ ist Philotas´ Rettung greifbar nah. Ihm selbst erscheint er jedoch als die allergrößte Schmach. Lieber wählt er den eigenen Tod. Der Ruhm des Märtyrers ist für ihn in dieser Situation das größte Gut, größer als der Frieden des Vaters mit Aridäus.
Jörg Pohl, der gerade erst die Schauspielschule absolvierte, hat keine leichte Aufgabe vor sich. An der Konzentration seines Spiels und an seiner Bühnenpräsenz hängt die Überzeugung der Zuschauenden, dass Philotas gar nicht anders kann, als die gewählte Aufgabe konsequent und bis zum Ende durchzuführen. Wenn das nicht der Fall wäre, entstände allzu leicht der bloße Eindruck eitler Jugendlichkeit. Pohls Philotas merkt man deutlich an, dass er unter Zeitdruck steht, denn die Auslösung naht, und bis dahin muss er ein Schwert besorgen. Sein begeisterter Rausch des unglaublichen Entschlusses weicht sichtbar den Zweifeln bezüglich des eigenen Mutes zu seiner Durchführung, um schließlich in eine fast erotische Verehrung für das neu gewonnene Schwert umzuschlagen. Ohne Todesröcheln und Heldengebrüll, allein durch leise Töne und sparsame Gesten macht Jörg Pohl die Möglichkeit des Opfertodes vernehmbar.
Ein Historienspektakel, gekleidet in amerikanische Wüstensoldatenuniformen, wäre durchaus auch denkbar gewesen. De Haans Philotas hingegen erkennt den historischen Rahmen des antiken Griechenland zur Zeit Alexanders zwar explizit an, indem die Regisseurin die gesamte Rückseite der Bühne mit einem originalgetreuen Abbild des berühmten Mosaiks aus der Perserschlacht ausfüllen lässt. Innerhalb dieses lockeren Rahmens lässt sie dem Zuschauer jedoch alle Freiheit, sich seine eigenen Gedanken zur aktuellen Aussagekraft des Stoffes zu machen.

Das Gute des Mittelmaßes

Wer könnte Philotas den hohen Wert seines Todes eingeflüstert haben? Woher rührt seine Ruhmesethik? Ein Hinweis bietet das Abbild des Mosaiks, das sich dem Zuschauer nach dem ersten Monolog des Philotas zeigt: Alexander reitet von links auf den schreckerstarrten Dareios zu. Hinter ihm klafft, ganz originalgetreu, eine große weiße Fläche, der zerstörte Teil des Originalkunstwerkes. Es sieht ganz danach aus, als ob Alexander hier einen unsichtbaren Begleiter hätte, der hinter ihm steht und ihn in der Schlacht im wahrsten Sinne des Wortes „moralisch“ unterstützt. Wer mag das sein? Meine Gedanken wandern zu Aristoteles, dem langjährigen Lehrer Alexanders des Großen, dessen Lehre der Mäßigung auch Lessing interessiert haben könnte, als er für seinen Titelhelden eine historische Figur aus dem Umfeld Alexanders wählte.
Das ethisch Gute ist für Aristoteles immer das Mittelmaß. Das erscheint zunächst einmal unverständlich für eine Zeit, in der halb Asien erobert wurde und man sich keineswegs mit Eroberungen oder Siegen mittlerer Größe zufrieden gab. Es macht aber deshalb Sinn, weil Aristoteles meint, dass sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig von allem, was die Handlung als moralisches Prinzip beeinflusst, schädlich sein könnte. Auch bei Lessing treten zentrale Werte der aristotelischen Lehre in Gestalt der maßvollen und tugendhaften Mitmenschen des Philotas auf.
Das wäre zunächst die Tugend der „Vornehmen Ruhe“: Ein Zuwenig führt zur Abgesumpftheit, ein Zuviel dagegen zur Überregbarkeit. Der Phlegmatismus ist für Philotas weniger das Problem, dafür umso mehr sein übererregbares Temperament. Sein maßvolles ethisches Vorbild ist Strato. Markus Kiepe mit seinem typischen trockenen Humor gibt diesen Strato im Altrocker-Outfit mit langer Matte und schwarzer Motorradjacke, in der er eher schräg und cool als vornehm und gelassen wirkt. Er setzt den leidenschaftlichen Klagen des Philotas explizit jene ethischen Tugenden entgegen, auf die Philotas sich seiner Auffassung nach eigentlich besinnen sollte: „Prinz, deine Bildung, voll jugendlicher Anmut, verspricht ein sanftres Gemüt. (…) Es ist der Fehler des Jünglings, sich immer für glücklicher oder unglücklicher zu halten, als er es ist.“
Eine weitere bedeutsame Tugend ist für Aristoteles die Tapferkeit. Ein Zuwenig davon macht den Menschen feige, ein Zuviel dagegen macht einen Draufgänger. Aus der aristotelischen Perspektive heraus kann man durchaus sagen, dass Philotas kräftig über das ethisch wertvolle Mittelmaß hinausschießt, denn er ist so halsbrecherisch und übermäßig „tapfer“, dass der erfahrene Parmenio ihn warnt: „Man möchte deine Tapferkeit für angeborne Wildheit halten.“
Parmenio, von Jost Grix gut dosiert mit dem bekannten komischen Einschlag versehen, ist, was das Äußerliche anbelangt, ein wenig zombiehaft geraten: Er hat schon viel zu viele schlechte Erfahrungen gemacht, um sich von einem Übermaß an Tapferkeit noch hinreißen und blenden zu lassen. Der alte Kriegsheld erweist sich sogar als jemand, dem die Liebe zwischen Vater und Sohn mehr Wert ist als Tapferkeitsmedaillen.
Die Freundschaft ist für Aristoteles eine gesellschaftliche Tugend, die mit der Liebe zwischen Menschen gleichbedeutend ist. Es gibt moralisch geringere und höhere Erscheinungsformen. Die geringeren entspringen entweder dem Naturtrieb zwischen Erzeuger und Erzeugtem oder dem Zusammengehörigkeitsgefühl wesensgleicher Menschen. Der Zweck solcher Freundschaften ist Lustgewinn und gegenseitiger Nutzen. Die höchste und wahre Form von Freundschaft aber ist die Gemeinschaft von sittlich Trefflichen. Sie entspringt der reinen Tugendhaftigkeit der Charaktere und erfordert einen hohen ethischen Reifegrad. Deshalb ist sie nur unter wenigen edelgesinnten, hoch- und gleichgestellten Personen möglich.
Für Philotas, der über eine hohe Geburt und einen sittlich anscheinend vortrefflichen Vater verfügt, scheint Freundschaft allerdings nur in der geringeren Form zu existieren, und zwar als abstrakte und institutionalisierte Überhöhung der Bluts- und Wesensgemeinschaft in Gestalt der unbedingten Loyalität zum väterlichen König und zum eigenen Reich. Deshalb reagiert er einigermaßen angewidert, als der feindliche König gleich auf ihn zutritt und ihn umarmt. Martin Rentzsch spielt Aridäus und beweist, dass er vom stinkenden Penner über die durchgeknallte Alte bis zum antiken König nahezu jede Rolle glaubhaft verkörpern kann. Sein Aridäus ist ein vom ewigen Kriegsführen erschöpfter Herrscher, müde geworden an der ständigen Diskrepanz zwischen dem, was er hoch achtet und dem, was der politische Alltag ihm abfordert. In Philotas erkennt er die hohe und edle Form der Freundschaft, die er mit seinem Vater in früheren Zeiten genossen hat und wieder genießen möchte. Im Verlauf des Gesprächs mit dem mehr als abweisenden Jüngling macht sich bei ihm ein immer weniger zurückgehaltener, zynisch-aggressiver Unterton in der Stimme bemerkbar, der bald in Verbitterung und schließlich in offene Verachtung für die gesamte Situation übergeht. Er, der zunächst als der Besonnenste und Großmütigste unter allen erschien, wird bei der zweiten Begegnung mit Philotas als Einziger handgreiflich und verliert immer mehr an Haltung.

Philotas erhält seine neue Waffe und kehrt die Machtgefüge auf der Bühne radikal um. In weißes Licht getaucht, führt er einen Kriegstanz auf, der mit dem Hieb in den eigenen Leib endet. Hohles Kriegsgetrommel wird hörbar. Hinter der Bühne erhebt sich ein Wald von Speeren, gefolgt von einer Armee untoter, starr nach vorne blickender Krieger, den Schatten der gefallenen Helden, deren Diktat er nun gehorchen wird. Das ist zuviel für den König. Er bricht endgültig zusammen, verlangt weinend seinen Sohn zurück, entledigt sich aller seiner Machtstellung und wirft sein Königtum über Bord. Oben auf dem Podest meint Philotas, in weißes Licht getaucht, sich schon auf dem triumphalen Weg ins Elysium, als Strato ihm mit seinem Schwert den Gnadenstrich in die Kehle versetzt und aus dem feierlich zelebrierten Selbstmordanschlag ein animalisches Schlachtfest macht.

Westfälische Schlachtplatte

Moralisch gesehen scheint der Fall hiermit klar zu sein: Die fehlgeleitete Ruhmes- und Ehrenethik des Philotas hat, trotz aller ihm umgebenden Vorbilder, über die Liebes- und Freundschaftsethik des Aridäus triumphiert, und gut ist das gar nicht. Das weiß der aufgeklärte Abendländer aber schon längst und denkt dabei vielleicht an jene, die ihre Söhne, mit Sprengstoff beschnallt, in Finanz- und Touristenzentren schicken, um die eigene Familie mit Ehre zu überschütten, während die Selbstmordopfer wähnen, im Paradies von einem Haufen von Jungfrauen erwartet zu werden.
Philotas hat bei allem Zuviel und Zuwenig an gemäßigten Tugenden aber noch eine weitere, entscheidende Schwäche, die gerade in unseren Gesellschaften derart kultiviert und ausgeprägt ist, dass ganze Industriezweige aus ihnen entstehen und gleichzeitig unzählige berufliche und persönliche Beziehungen daran zerbrechen: Es ist das zerstörerische Geltungsproblem, das als Unmaß der aristotelischen Tugend der Hochsinnigkeit anzusehen ist. „Als hochsinnig gilt, wer sich hoher Dinge für wert hält und es auch wirklich ist.“ Ein Zuviel an Hochsinnigkeit endet im „Dummstolz“, ein Zuwenig gilt als kleinsinnig. Philotas strebt nichts so sehr an wie die Zuteilwerdung von Ruhm und Ehre durch Andere, was man zunächst für jugendliche Überheblichkeit halten will. Doch bei genauerer Betrachtung kann man nicht wirklich behaupten, dass er sich dabei für etwas Besseres hält als die Anderen. Oder hätte er es sonst nötig, einen Wert durch einen unnötigen Märtyrertod beweisen zu müssen? Philotas ist nicht dummstolz, sondern eitel und ist somit kleinsinnig.
Das aristotelische Maß an Hochgesinntheit zu wahren, war niemals leicht; im Zeitalter der Profilneurosen scheint es nahezu unmöglich geworden zu sein. Heute kommt niemand in zwischenmenschlichen oder gesellschaftlichen Beziehungen gut voran, wenn er sich nicht als besonderes Produkt verkauft. Zu denken ist da an das schier unglaubliche Verhalten junger, geltungsbedürftiger Leute, die sich in Container sperren und öffentlich begaffen lassen, oder an verblassende Prominente, die im Urwald Maden essen, um wieder ins Rampenlicht zurückzugelangen. In der Politik hat es erst vor einiger Zeit einen Fall von Philotas-Tod gegeben, der aus einem Selbstmordopfer bestand, dem ein politischer Selbstmord aufgrund eines lächerlichen Geltungsaktes vorangegangen war. Der Opferakt begann mit einem Flug ins Elysium und endete mit einem zerrissenen Körper auf einer westfälischen Wiese.
Ein marktgerechtes Geltungsbedürfnis, im Beruf des Schauspielers seit je angelegt, greift auch in den Stadttheatern immer mehr um sich – zumindest scheint es mir so, wenn ein Schauspielhaus es nötig zu haben scheint, sich eine möglichst große Anzahl von medienwirksamen Uraufführungen wie Siegestrophäen ans Revers zu heften und das Repertoire immer mehr nach diesem Primat zusammenzustellen. Schön, dass im Spielplan dennoch noch Raum für eine Inszenierung wie die von Marlin de Haan bleibt. Sie beweist großen Spürsinn, indem sie Lessings Drama des ruhmessüchtigen Adoleszenten nicht als Spektakel inszeniert, sonders als ruhiges und zurückhaltendes Stück. Auf diesem Wege bringt sie, im Gegensatz zur Titel gebenden Figur, ein kluge und einfühlsame Erstlingsinszenierung zuwege. Was hier an bühnentechnischem Spektakel und überflüssigem atmosphärischen Schmuck ausgelassen wird, öffnet den Zuschauer für Fragen nach dem Inhalt.
An Schönheit und Eleganz mangelt es der Produktion bei allem Mut zur Lücke dennoch keineswegs. Ganz im Gegenteil gewinnt sie dadurch an künstlerischem Reichtum und Aussagekraft, dass sie nicht alle Macht der Interpretation an sich reißen will, sondern die Zuschauer einlädt, die Schlichtheit der Bühnendarbietung durch eigene Gedanken und Assoziationen zu ergänzen. Die sparsam verwendete Musik, die der Autodidakt Karsten Riedel dieses Mal in Zusammenarbeit mit Jörg Brinkmann komponierte, hilft dabei. Sie ist nicht nur akustische Unterfütterung für die emotionalen Zustände der Bühnenfiguren nach der Art der atmosphärischen Weichspülermusikanten, wie sonst so häufig in Theateraufführungen. Alles, was hier an minimalistischen Klängen produziert wird, hat dramatische Wirkung. Das musikalische Konzept scheint im Falle des Philotas darin zu bestehen, dass es zunächst lediglich durch klangliche Akzente versucht, den Raum abzutasten und zu öffnen, in welchem sich dann in aller Ruhe und mit allem Nachdruck die Gedanken und Gefühle der Figuren entfalten können. Immer dann jedoch, wenn etwas Geistig-Seelisches Gestalt annimmt – sei es das Bewusstwerden der Gefangenschaft, sei es die Gestaltwerdung des unglaublichen Planes der Selbstopferung -, beginnt auch die Musik rhythmische und tonale Gestalt anzunehmen. Das tut sie aber niemals in dem Maße, dass man ein zu fühlendes Gefühl oder einen zu denkenden Gedanken ‚aufgedrückt‘ bekommt. Sie nimmt sich, genau wie die Inszenierung, jederzeit zurück und beschränkt sich auf kleine Anstöße, während dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben wird, den Raum mit eigenen Assoziationen auszufüllen.
Meist zolle ich den Produktionen des Schauspielhauses artig meinen Respekt und kann dabei die Distanz zwischen mir und dem Bühnengeschehen nicht ganz überwinden. Beim Bochumer Philotas hingegen freute ich mich über die gemeinsam verbrachte Stunde und würde mein Verhältnis zu dieser Theaterarbeit als ‚freundschaftlich‘ bezeichnen, vielleicht deshalb, weil die Regisseurin selbst dem Stück mit so liebevoller Haltung entgegengetreten ist.

JUDITH DEBBELER
Theater über Tage 2005 – Jahrbuch für das Theater im Ruhrgebiet, Rhema-Verlag Münster

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