High Definition. Der Avatarismus der Gegenwart auf der Bühne.

Mit Witz und Hinterlist

Mit „High Definition“ begann im FFT Juta das Festival „Freischwimmer“. Das Stück wagt sich an einen philosophischen Abgrund: an die Frage, was eigentlich echt ist. Fünf Produktionen zum Thema Rausch folgen.

VON WERNER SCHWERTER, Rheinische Post, 08.05.2008

Sebastian Puppe-Strumpf wird im Programmheft als Darsteller des Künstlers Sebastian genannt. Und Rocky Rolf taucht als Mitglied des dreiköpfigen Chores auf. Der eine ist tatsächlich eine Puppe und der andere ist ein CD-Player. So spielen oder singen statt sechs Leuten nur vier leibhaftig auf der Bühne. Gegen Ende wird im Stück gejammert: Ein Sponsor sei abgesprungen. Also deshalb eine Sparversion – obendrein mit vielen Pannen bei der Lichttechnik? Vorsicht Falle. Denn dieses Stück hat Witz und Hinterlist.

Das Stück hat auch schrecklich konkrete Seiten

„Sind wir echt?“, das ist hier die Frage. Sein oder Schein. Das Werk „High Definition“ formuliert im Untertitel mit wissenschaftlicher Attitüde sein Thema: „Der Avatarismus der Gegenwart auf der Bühne.“ Avatare sind Kunstfiguren der Computergrafik, die stellvertretend für ihre Inhaber durch die virtuelle Welt wandeln. Doch sind wir nicht alle bloß fremdgesteuerte Simulationen? An einen philosophischen Abgrund wagen sich auf irritierende Weise die Regisseurin Marlin de Haan, der Autor Axel von Ernst und die Komponistin Julia Klomfaß. Spaßeshalber möchte man ihre Idee, alles Leben sei Theater, weiterdenken: Sollten diese drei auch nur Masken sein? Aber ihr Stück hat auch schrecklich konkrete Seiten.
In einem Wartezimmer treffen sich die Management-Trainerin Anne und der Student Philipp. Sie predigt Effizienz und Sport, sieht sich als „Maschine aus Willen und Körperkraft, perfekt gekleidet“. Er gehört zu einer Säufer- und Schlägertruppe und sagt über einen willkürlich Ermordeten: „Wenn der nicht weggelaufen wär´, wäre ihm auch keiner hinterhergelaufen.“
Mit der Aufführung wurde im FFT Juta das Festival „Freischwimmer“ eröffnet. Sechs Produktionen junger Theater gastieren in Hamburg, Zürich, Düsseldorf (bis 11. Mai) und Wien. Thema aller Beiträge ist der „Rausch“ – von Lust bis Sucht und Kollaps.

Schon der Auftakt zeigte, dass es nicht nur um Drogen geht. Ebenso um Arbeitswut, Größenwahn, Selbstverliebtheit, Perfektionssucht, Machtrausch, Kaufrausch, Freiheitsrausch. Und zum Finale des Festivals will die Hildesheimer „Fräulein Wunder Arbeitgeber“ einen Cocktail aus Täuschung, Adrenalin, Einbildung und Selbsterfahrung kredenzen.

Selbstentwurf im Wartezimmer

THEATER. Marlin de Haans überzeugender „Freischwimmer“-Beitrag im FFT-Juta: „High Definition“.

VON MARIA WIGBERS, Neue Rhein Zeitung, 08.05.2008

Bäckereifachverkäuferin mit unglaublich langen Fingernägeln, Hooligan, Oscar-Preisträgerin oder doch lieber Politiker mit Bierbauch – das alles und noch viel mehr können Anne und Philipp sein. Doch keiner sieht, was man kann und könnte, verzweifelt Philipp. Da würde seine Zufallsbekanntschaft Anne ihm zustimmen, wenn sie ihm denn zuhören würde.

Kein Boden unter den Füßen

In Marlin de Haans Inszenierung „High Definition“, dem Düsseldorfer Beitrag zum Theaterfestival „Freischwimmer“ im Forum Freies Theater, treffen sich Anne (Nora-Marie Horstkotte) und Philipp (Felix Lohrengel) in einem Wartezimmer, wo sie mehr sich selbst als dem anderen den Jetzt-Zustand ihres Lebens erklären. Und scheinbar gibt es Bedarf dazu. Die Darsteller legen uns überzeugend die verzweifelten Rechtfertigungsversuche zweier Individuen dar: Natürlich schöpfen Anne und Philipp ihre Potentiale voll aus, stehen mit beiden Beinen fest im Leben. Doch immer weniger können sie verbergen, dass die den Boden unter den Füßen längst verloren haben, in der Vielfalt der möglichen Rollen, schweben.
Ihr Wartezimmer, das sich auf einem Podest hoch über dem Bühnenboden befindet, illustriert anschaulich diese Unfähigkeit sich auf sicherem Untergrund zu verorten. Hier reden sie sich zunehmend in einen Rauschzustand, verlieren die Kontrolle. Ihren Absturz kommentiert der süßlich, zynische Gesang zweier Stewardessen (Julia Klomfaß, Thanh Mai Kieu).
Während dieser Chor Werbeslogans trällert, Würstchen grillt oder der Globalisierung die Schuld für alles gibt, zeit er Möglichkeiten auf, aufgrund derer die Beiden nicht mehr wissen, wer sie denn nun wirklich sind. Sie fühlen sich substanzlos wie Sebastian, die Marionetten-Puppe, die als dritter Protagonist des Stückes fungiert. Die eigene Erzählung des Lebens läuft nicht mehr in High Definition, also Hochauflösung, sondern verschwimmt zunehmend, wie das an die Wand projizierte Testbild.
Ein scharfes und treffendes Bild der aktuellen Lebenssituation zeichnet Regisseurin De Haan hingegen mit diesem Stück nach einem Text von Axel von Ernst. Eine (Bühnen-) Welt, in der wir uns beständig zwischen verschiedensten Identifikationssystemen und Realitäten entwerfen müssen.

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