Hanneli Himmeli

Die Besserwisser aus dem Über-Ich
FFT Mit viel Humor wühlt das Stück „Hanneli Himmeli“ in den Selbstzweifeln der Endzwanziger

Von Hans-Christoph Zimmermann, Westdeutsche Zeitung, 21.5.2010

Sie ist jung, sie ist schön. Sie steht am Ende ihres Studiums, hat bereits einen Job, einen Freund auch. Und natürlich sind die Softskills von Hanneli Himmeli erste Sahne. Durchstarten wäre also angesagt.
Doch die Endzwanzigerin liegt wie eine Tote unter einem Berg aus bunten Reisetaschen auf der Bühne der Kammerspiele. Mühsam schält sie sich aus ihrem Grab und stimmt eine Suada des Selbstzweifels an: Karriere oder erfülltes Privatleben, Selbst- und Fremdeinschätzung – Fragen über Fragen, die Johanna Himmeli angesichts der Wahlmöglichkeiten des Lebens verzweifeln lassen. Dass ihr schließlich nur noch die statistische Familiennorm „Vater-Mutter- zwei-Kinder-Eigenheim-Fernseher“ einfällt, hat so beißenden wie mitfühlenden Witz.

Gerhart Hauptmanns Stück dient nur als Sprungbrett

Dem Abend „Hanneli Himmeli“ liegt Gerhart Hauptmanns mystisch-naturalistisches Stück „Hanneles Himmelfahrt“ umd die Fieberträume eines 14-jährigen Mädchens kurz vor dessen Tod zugrunde. Doch Regisseurin Marlin de Haan und Autor Axel von Ernst nutzen den Plot allenfalls als Sprungbrett in die sehr pragmatischen Wunschwelten heutiger „Twentysomethings“.

Doch trotz der sehr guten Schauspielerin Magdalena Helmig, trotz Witz und Komik, überzeugend wird der Abend erst durch die Entscheidung, Johannas innere Stimmen durch einen Chor verkörpern zu lassen. Sechs bunte Über-Ich-Besserwisser geben Erinnerungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Weisheiten der Eltern zum Besten, musikalisch unterstützt von Kontrabass und singender Säge. Mit Verve stürzt das Sextett zwischen den auf der Bühne sitzenden Zuschauern hindurch und singt auf Johanna ein. Ein kurzweiliger und formal kluger Theaterabend mit viel Sinn für Humor, der vom Publikum mit lebhaftem Beifall bedacht wurde.

„Hanneli Himmeli“ auf Sinnsuche im FFT

Von Rainer Morgenroth, Rheinische Post, 20. Mai 2010

Der Vorhang geht auf, die Sitzreihen sind leer. Schauspieler und Zuschauer haben sich auf der Bühne versammelt, in der Mitte steht Johanna „Hanneli Himmeli“. Wind kommt auf und Blätter rieseln. Hannelis Horizont erweitert sich, ihr Kopf wird durchlüftet. Unzählige Lichter tanzen über die kahlen Ränge. „Was soll ich jetzt tun?“, fragt Hanneli. „Atmen“, antwortet der sechsköpfige Chor. Lautstark Luft holend und auspustend legt sich das Ensemble auf den Boden und musiziert in dieser Lage auf Kontrabass und singender Säge. Der ganze Raum, Hannelis Kopf, lebt und bebt, stöhnt und ächzt. „Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf“, meint Hanneli.
Die Uraufführung von Axel von Ernsts „Hanneli Himmeli“ durch Regisseurin Marlin de Haan in den FFT Kammerspielen ist ein hautnahes Erlebnis. Man sitzt auf der Bühne und lauscht der seelischen Selbstbespiegelung der Hauptdarstellerin, einer Endzwanzigerin auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und den richtigen Entscheidungen: Kinder kriegen? Karriere machen? Was ist die wahre Liebe? Hanneli flüstert, brüllt und seufzt. Der bunte Chor – die Darsteller tragen Grün, Rot, Blau, Weiß, Violett und Gelb – kommentiert vom Bühnenrand.
Fragen und Antworten: Das Stück bietet Gedankentheater in Dialogform. „Wer bin ich im Verhältnis zu den anderen?“, will Hanneli wissen. Gemeinsam mit den Stimmen in ihrem Kopf singt sie: „Was habe ich bekommen, was kann ich mir noch kaufen?“

Zwischen den Szenen stürmt der Kommentatoren-Chor von links nach rechts, am unteren Ende des Kontrabasses sind zur besseren Beweglichkeit Rollen angebracht. Die Darsteller pressen sich wie Bergsteiger an die Wände, Hanneli bleibt im Mittelpunkt auf einem weißen Rechteck stehen. Erst als sich auch die Rückwand öffnet und ein gewaltiges Bild mit Strandurlaub- und Weltall-Motiven freigibt, verlässt sie ihren Kopf-Raum. Traumwandlerisch schreitet sie dem Gemalten entgegen und sagt „Erwartungen sind immer größer als die Realität“. Es folgt ein lauter Aufschrei, dann zählen die einfarbig Kostümierten allerlei Todesursachen auf. Zum Abschluss ruft der Chor „Seht euch das arme Hanneli doch einmal an“. Sollte man machen.

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